Blog

Hier finden sich Gedanken und Ideen rund um die Themen Gesellschaft und Nachhaltigkeit.
Ich freue mich über Feedback und Kommentare
ch@christianhofmann.org

Samstag, 16. Mai 2020
He for she

Joko und Klass haben (mal wieder) ihren Gewinn unzensierter Sendezeit für ein wichtiges gesellschaftliches Problem zur Verfügung gestellt. Die „Männerwelten“ (https://www.youtube.com/watch?v=uc0P2k7zIb4) kann man sich auf Youtube inzwischen nur nach vorheriger Anmeldung zur Überprüfung des Alters anschauen. Offenbar halten zu viele Menschen (Männer?) dieses Video für unangemessen. Verstörend kann es eigentlich nur für diejenigen sein, die sich in einer Scheinwelt bewegen und glauben, die Gleichberechtigung sei längst erreicht. Mitnichten! In der Coronakrise wird dies in erschreckender Weise transparent.

Es wird Zeit, dass sich Männer offen und aktiv gegen diese Taten und für eine Welt einsetzen, in der Gleichberechtigung Wirklichkeit wird. Sie können nur dabei gewinnen.
Wer ein Zeichen setzen will: Die Kampagne He for she der Organisation UN Women gibt uns die Möglichkeit „Flagge zu zeigen“

Samstag, 16. Mai 2020
legal, illegal, scheißegal

Vor einiger Zeit klagte eine besorgte Bürgerin Berlins gegen die Einrichtung von 30-KM-Zonen vor Schulen. Sie war besorg, morgens nicht schnell genug zur Arbeit fahren zu können. Glücklicherweise hielten die Richter*Innen Gesundheit und Sicherheit der Schüler*Innen für wichtiger als eine kurze Zeitersparnis uf dem Weg zur Arbeit. Das ist die vornehme Wertung.
Nun setzen andere besorgte Bürger*Innen noch eins drauf. Sie wollen, dass die kürzlich erhöhten Sanktionen gegen zu schnelles Fahren wieder rückgängig gemacht werden. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Sie beklagen sich, dass sie für die Nichtbeachtung von Regeln sanktioniert werden. Also: Egal, ich will rasen. Der ADAC assistiert scheinheilig (Wenn da mal einer aus Versehen …, dann darf der doch nicht gleich…). Als ob es darum ginge! Als ob es sich um eine Kleinigkeit handeln würde. Angesichts der Verkehrstoten und der zunehmenden Raserei auf den Strassen eine extrem selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit! (Um es vornehm auszudrücken) Auch unser Verkehrsminister zeigt sich besorgt ob der Sorgen seiner besorgten Bürger*innen. Man sollte doch die Sanktionen wieder milder gestalten, wenn die Menschen sich so arg darüber ärgern.
Der Mann sollte nicht zurücktreten.
Er sollten gefeuert werden! Pronto!

Montag, 11. Mai 2020
Nicht wissen und nicht wissen wollen


"Ich weiß nicht, was ich mit der R-Zahl von 1,1 oder 1,13 anfangen soll", sagte der Bundestags-Vize und FDPler Kubicki bei Anne Will. Er sei sich nicht sicher, ob die zugrundeliegenden Daten plausibel seien. "Wenn man Angst hat, soll man zu Hause bleiben."
Nun ist Kubicki kein dummer Mensch. Wenn er als ein Politiker in exponierter Position tatsächlich nicht weiss, was es mit einer der wichtigsten Kennzahlen in einer der größten gesellschaftlichen und ökonomischen Krisen auf sich hat, dann will er es nicht wissen.
Dann fragt man sich, wieso nicht? Weil es nicht in seine Konstruktion von Wirklichkeit passt, nicht in sein Weltbild? Nicht in sein Bild von Selbstverantwortung „Jede*r macht was er oder sie will“?
Nichtwissen ist nicht schlimm, im Gegenteil.
Gerade in dieser Zeit ist der Umgang mit Nichtwissen essenziell für die weitere Entwicklung der Pandemie und deren Auswirkungen.
Aber nicht wissen wollen ist zumindest für verantwortliche Politiker ein völlig verantwortungsloses und damit inakzeptables Verhalten, wenn damit existenzielle Entscheidungen für die Gesellschaft beeinflusst werden.
Er sollte sich aus dem politischen Geschäft zurückziehen!

Montag, 11. Mai 2020
Freiheit der Kunst


Ein weiterer Provokateur hat sich im SPIEGEL zu Wort gemeldet:
„Man schreibt mir vor, was ich zu denken, was ich zu tun habe (..) Meine Erfahrung aus der DDR sagt mir, dass mir niemand vorschreibt, wie ich mich benehmen muss. Es sind offenbar keinerlei verlässliche Zahlen da. Nicht über die Infizierten, nicht über die Wiedergenesenen, die Antikörper gebildet haben“ und „Demonstrationen, das heißt die praktizierte Meinungsfreiheit, sind so gut wie verboten. Die Kunstfreiheit und die Glaubensfreiheit sind es auch“
Edgar Schein, Sozialwissenschaftler und renommierter Organisationsberater aus den USA hat einmal die Rolle der Kunst und der Künstler u.a. so beschrieben: „Kunst (soll) stören, provozieren, schockieren und inspirieren“. Sie soll anregen „mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu erfahren von dem, was in uns und um uns herum geschieht.“ Und schliesslich „kann der Künstler uns dazu anregen, unsere Fähigkeiten, unser Verhaltensrepertoire und unsere Reaktionsmöglichkeiten zu erweitern“
Wer wollte bestreiten, dass F.Castorf ein Künstler mit einer gewissen Bedeutung ist. Insofern sollte man ihn in seiner Rolle als Provokateurs durchaus ernst nehmen, aber doch überprüfen, ob er uns in diesem Fall tatsächlich hilft, mehr zu sehen und unser Verhaltenspotenzial zu erweitern.

Samstag, 2. Mai 2020
Das Tetralemma der Pandemie

Die Pole der aktuellen Diskussion sind: Gesundheit und Sicherheit gegen Freiheit und Wirtschaft (Fragt Michael Schlieben F .Merz auf ZEIT onlne (2.5.2020)
Sind das die Pole? Und wie lösen wir das Dilemma auf?

Merz ist natürlich, wen wundert’s auf der Seite der Freiheit, auch wenn er mehr Demut einfordert gegenüber dem Wohlstand den wir erfahren.

Schauen wir die Dimensionen des Tetralemma an:
Das eine oder das andere – geht nicht wirklich, da sich beides gegenseitig bedingt. Obwohl es im Grunde das Prinzip der Strategie „Hammer & Dance“ ist, deren abgeschwächte (und deshalb hoch risikohafte) Form derzeit von der Regierung verfolgt und heftig umstritten wird.

Weder noch - Keins von beiden: ist eigentlich indiskutabel, könnte aber z.B. bei einer unkontrollierten Pandemie (oder auch einem ungebremsten Klimawandel) das Ergebnis sein!

Sowohl als auch - Beides: das wäre wünschenswert und ist eigentlich das Ziel der bevorzugten Strategien der Pandemie-Bekämpfung. Allerdings unterscheiden sich diese im Detail und werden durch die Lobbyarbeit der Befürworter schneller Lockerungen erschwert. Es wäre – by the way – in Frage zu stellen, ob die Gleichsetzung von Wirtschaft und Freiheit in dieser Gleichung so zulässig ist.

Selbst das nicht – was also dann? Welche Muster müssen gebrochen werden, um das Dilemma aufzuheben? Vielleicht liegt der Schlüssel in den Erkenntnisses dieser Pandemie: Gesundheit ist mehr als Abwesenheit von physischen Krankheiten, das Gesundheitssystem sollte eine gesellschaftliche und nicht profitable Angelegenheit sein, Verzicht entpuppt sich oft als Gewinn, nicht ein immer Mehr, sondern das richtige Maß sorgt für ein gutes Leben und das Wirtschaften muss sozial-ökologisch organisiert werden, um Gesundheit, Sicherheit und Freiheit zu fördern.
W.Schäuble scheint eine Idee davon zu haben („Noch immer ist nicht nur die Pandemie das größte Problem, sondern der Klimawandel“), A.Merkel hat sich im Pertersdorfer Klimadialog für den Klimaschutz, den green Deal und die Agenda 2030 der UN eingesetzt, F. Merz immerhin die sozial Marktwirtschaft gelobt.

Ob das wohl reicht?

Mittwoch, 29. April 2020
Provokateure

Boris Palmer ist ja für seine Provokationen bekannt und bekommt dafür meist auch gebührend Ohrfeigen, auch wenn er sich später für unangemessene Sprüche entschuldigt. Die neueste Provokation: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“
Nun macht oft der Ton die Musik. Was er sagt, haben andere auch schon gesagt, und sind nicht dafür geprügelt worden.

Zum Beispiel der Virologe Kekule: „Wenn wir die Gesellschaft noch drei Monate oder mehr im Lockdown halten, dann opfern wir alles, was wir unter unserer Identität und Kultur verstehen, dafür, dass wir nicht bereit sind zu akzeptieren, dass einzelne Menschen sterben, damit am Ende die Mehrheit immun ist. Das finde ich falsch“

Oder W. Schäuble in seinem viel zitierten Interview: „Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig“

Oder der Ethikrat: „Ein allgemeines Lebensrisiko ist von je dem zu akzeptieren.“

Die Gruppe um Kekule, zu der auch Palmer gehört, erklärt die Wirklichkeit allerdings so, dass sie einen raschen Exit aus den Massnahmen gegen die Pandemie begründen können. Dabei benutzen sie, ob bewußt oder nicht, Informationen, die einer Überprüfung in der Wirklichkeit nicht standhalten (Grippe vs. Corona, Freiheit vs. Gesundheit, Tod durch Krankheit vs. Schäden durch Gesundheitsschutz), dafür die Erwartungen und Wünsche vieler Menschen bedienen und leichtsinnig Hoffnungen wecken: Ein rascher Ausstieg sei durchaus möglich.

Dass die Bedingungen hierfür, die sie selbst definieren, zu großen Teilen nicht gegeben sind, wird verschwiegen und dass die große Mehrheit der Institutionen und Wissenschaftler gut begründet vor dem raschen Ausstieg warnen, wird verschwiegen.

Man muss die Provokateure nicht dafür verurteilen, dass sie Dinge aussprechen, die niemand gern hören mag oder Dilemmata aufzeigen, die niemand so einfach zu lösen vermag, aber dafür, welche Schlussfolgerungen sie aus ihrer Wirklichkeitskonstruktion ziehen und als Wahrheit hinstellen.

W.Schäuble: „Ich teile deshalb die Meinung der Allermeisten: Wir müssen die verschiedenen Gesichtspunkte klug abwägen. (…) Aber jetzt kommt es auf das richtige Maß für den Weg hinaus an“.

Genau dieses haben Palmer und die Gruppe um Kekule herum nicht gefunden.



Montag, 27. April 2020
Der Preis der Freiheit

In ihrem Appell für eine raschere Lockerung des Lockdowns zieht die Gruppe um den Virologen Kekule den Vergleich zur Grippe und verweist auf „die Tatsache, dass Covid-19 für die Bevölkerung nicht gefährlicher ist als die Grippe, wenn man bestimmte Risikogruppen und Menschen über 65 Jahren gezielt vor Infektionen schützt“

Sie beziehen sich darauf, dass „im Zusammenhang mit Influenza-Infektionen allein in Deutschland bis zu 25.000 Menschen jährlich (sterben), unter ihnen sind auch junge Patienten und Kinder. Dieses Risiko nehmen wir als Gesellschaft hin, ohne über Lockdowns oder auch nur eine Impfpflicht nachzudenken – es ist der unausgesprochene Preis der Freiheit und des wirtschaftlichen Wohlstands.“

Was aber nicht erwähnt wird, dass es sich bei der Zahl 25.000 um die sogenannte "Übersterblichkeit" handelt, Eine Zahl, für die es bislang für die Corona-Erkrankung noch gar keine Vergleichszahl gibt, denn diese kann erst im Folgejahr berechnet werden. Nimmt man die vergleichbare Zahl, nämlich die der gemeldeten und bestätigten Grippetoten in der Saison 2017/18, so liegt diese bei ca. 1700! An Corona sind aber in diesem Jahr 5640 Menschen gestorben (26.4.) und hier ist die Saison noch lange nicht vorbei, sondern die Pandemie noch immer am Anfang!

Die Infektionssterblichkeit bei Influenza liegt laut RKI bei 0,1-0,2%. Die von Corona wird derzeit auf ca. 0,5% geschätzt.

C.Drosten weist auf Statistiken über die realen Sterblichkeitsraten in verschiedenen Ländern hin, die aufzeigen was das bedeutet:
"hier sieht man jetzt sehr gut, wie sich die Sterblichkeit über den Jahresverlauf entwickelt. Das sind zum Teil auch mehrjährige Durchschnitte. Und wie dann plötzlich die Sterblichkeit in diesem Jahr hochschießt, und zwar wirklich steil, sodass man sieht, es ist ein sehr deutlicher Effekt"

Die Befürchtung der meisten Virologen ist, dass der Preis der Freiheit erheblich höher liegen wird, wenn die Maßnahmen zu schnell zurück genommen werden und es zu einem zweiten, dann kaum noch kontrollierbaren Ausbruch kommt.

Der Appell, nur verantwortungsvolle und angemessene Massnahmen umzusetzen, ist richtig.
Die jetzigen Massnahmen möglichst rasch aufzuheben, ist nicht nur hoch risikohaft, sondern scheint auch nicht verhältnismäßig.
Das Herunterspielen der Risken durch unangemessene Zahlen-Vergleiche ist unverantwortlich.

Montag, 27. April 2020
Schäuble und der Schutz des Lebens (1)

Das Interview W.Schäubles mit dem Tagesspiegel wird derzeit viel und gern zitiert im Zusammenhang mit den Lockerungen nach dem Lockdown.
„Schäuble will dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen“ titelt der Tagesspiegel und der SPIEGEL kommentiert in der Morgenlage vom 27.4. „Man kann Schäubles Einlassungen getrost als Mahnung an die Politik verstehen, es mit dem Lockdown nicht zu übertreiben.“ Um dann auf den Apell der „6 Prominenten“ rund um A.Kekule zu verweisen: „Raus aus dem Lockdown - so rasch wie möglich“.

Aber macht W.Schäuble wirklich deutlich, „dass es die Politik mit den Einschränkungen nicht übertreiben darf“? (SPIEGEL)

Auf die Frage, ob er zu den Vorsichtigen oder Lockermachern gehört, antwortet er ausweichend: „Ich teile deshalb die Meinung der Allermeisten: Wir müssen die verschiedenen Gesichtspunkte klug abwägen.“ Und diese Meinung hält er durch bis zum Schluss: „Deshalb bin ich durchaus für behutsame Lockerungen - aber nicht so, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Ob es dazu kommt, wissen wir erst hinterher. Deshalb ist Vorsicht weiter richtig und wichtig.“

Man kann seine Ausführungen hinsichtlich der Öffnungsmaßnahmen auch genau andersherum deuten: Vorsichtig handeln und die Öffnung nicht zu schnell betreiben, das richtige Maß finden.

„Man muss vorsichtig Schritt für Schritt vorgehen und bereit sein, zu lernen. Manche sagen, wenn's zu viel war, muss man Lockerungen wieder zurücknehmen. Das Zurücknehmen würde aber viel schwieriger“

Seine Beschreibung der ethischen und politischen Dilemmata folgt den Ausführungen des deutschen Ethikrats, der schon Ende März feststellte: „Auch der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut. Ihm dürfen nicht alle anderen Freiheits- und Partizipationsrechte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrechte bedingungslos nach- bzw. untergeordnet werden. Ein allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren.“

Es geht also um die Bedingungen, unter denen die Öffnung betrieben wird. Auch hier scheint Schäuble eher den Vorschlägen der Leopoldina einer vorsichtigen Öffnung zu folgen. Diese hat die Bedingungen hierfür beschrieben:
„ a.) die Neuinfektionen stabilisieren sich auf niedrigem Niveau,
b) es werden notwendige klinische Reservekapazitäten aufgebaut und die Versorgung der anderen Patienten wieder regulär aufgenommen,
c) die bekannten Schutzmaßnahmen (Hygienemaßnahmen, Mund-Nasen-Schutz, Distanzregeln, zunehmende Identifikation von Infizierten) werden diszipliniert eingehalten.“

Die entscheidende Frage ist also: Sind wir derzeit in der Lage, diese Bedingungen zu erfüllen? Dies kann leider derzeit nur sehr bedingt positiv beantwortet werden.

Montag, 27. April 2020
Schäuble und der Schutz des Lebens (2)


Interessant ist, was im SPIEGEL, aber auch in der Tagesschau NICHT berichtet wurde und was aus den Schlagzeile auch nicht hervorgeht: Schäubles Äußerungen darüber, wie wir mit den Folgen der Pandemienach einem Exit umgehen sollten.
„Wir werden strukturelle Veränderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik erleben. Ich hoffe, dass wir das als Chance nutzen, um manche Übertreibungen besser zu bekämpfen“ denn: „Noch immer ist nicht nur die Pandemie das größte Problem, sondern der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt, all die Schäden, die wir Menschen und vor allem wir Europäer durch Übermaß der Natur antun.“

Er gibt auch Hinweise, wo sich etwas ändern könnte, z.B. die Höhe der Lohnunterschiede, die Neujustierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne des Sozialen der Marktwirtschaft, den Umgang mit der Globalisierung z.B. auch bei den Erntehelfern, die Arbeiten machen, die wir nicht machen wollten, zu Löhnen, die wir nie akzeptiert hätten.“

„Das Größere ist: Wie kommen wir jetzt zu einem nachhaltigeren und, um mit Ludwig Erhard zu sprechen, maßvolleren Leben in Wirtschaft und Gesellschaft? Wie können wir die Unterschiede in der Welt so abbauen, dass sie erträglich sind?“

Es erstaunt, gerade von W.Schäuble diese nachdenklichen Worte zu hören, der sich doch in der Griechenlandkrise noch als ein so harter Verfechter der reinen Marktwirtschaft zeigte und wenig Rücksicht auf die sozialen Verwerfungen der Kreditbedingungen nahm.

Vielleicht gehört er zu denjenigen, die nicht aufhören zu lernen und dabei auch erkennen, dass der Schutz des Lebens nicht nur eine Frage des Corona-Virus ist, sondern – und in noch viel größerem Ausmaß eine Frage, ob es gelingt eine nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen.

Die Coronakrise wäre eine Chance!

Montag, 20. April 2020
DSGVO

Schon vergessen? Datenschutzgrundverordnung! DIE Leitplanke für homeschooling, homeoffice, Internetconferencing. Selten so gelacht.

Der Senat hat die Lehrerschaft darauf hingewiesen, worauf sie beim homeschooling achten müssen. (TSP Checkpoint vom 20.4.) Nun, jede und jeder, die sich mal am Aufbau einer interaktiven Website versucht haben und dabei der Abmahnmafia entkommen wollten, kennen die hohen Hürden, die es dabei zu bewältigen gibt. Aus gutem Grund, die DSGVO soll gar nicht in Frage gestellt werden.

Interessant ist aber, dass gerade ein Tool am weitesten verbreitet ist, dass es mit der Datensicherheit nicht so genau nimmt (ZOOM) der große Vorteil: es funktioniert!
Nun bessert ZOOM nach und auch Skype und JIITSI und FACETIME und all die anderen mit ihren vielen Vor- und Nachteilen, die kaum überschaubar sind, wollen zu den Gewinnern nach der Krise gehören.

Aber ob das den LehrerInnen hilft? Und all den Vielen, die ihre Dienste jetzt online anbieten? ZOOM scheint das Spiel zu gewinnen. (Mal von der Apple-Familie abgesehen). Ironie der Geschichte: ZOOM wollte diesen Markt gar nicht bespielen und scheint nun Marktführer zu werden.

Statt die Verantwortung den Nutzer*Innen zu überlassen, sollten die Anbieter die DSGVO-Konformität gewährleisten.
Nicht nur aus Compliance-Gründen, sondern aus ihrer unternehmerischen Verantwortung heraus.

Und der Senat sollte nicht die Verantwortung abschieben und nur die Regeln verteilen, sondern Lösungen!



Sonntag, 19. April 2020
Krise als Chance

Nachhaltigkeitsrat unterstützt Leopoldina
Der Rat für nachhaltige Entwicklung (immerhin ein offizielles Beratungsgremium der Bundesregierung) unterstützt die Empfehlungen der Leopoldina. Schon vor den Entscheidungen von Kanzlerin und Länderchefs / Chefinnen hat der Vorsitzende gefordert dass „Bei den anstehenden Weichenstellungen für die Phase nach der unmittelbaren Pandemiesituation der Klimaschutz und die nachhaltige Transformation unserer Wirtschaft eine wichtige Rolle spielen (müssten), in Deutschland und bei der Umsetzung des europäischen Green Deal. (...) Schnappauf stimmt den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Leopoldina ausdrücklich zu, dass es eine gleichsam „historische Chance“ sei, die jetzt zu tätigenden Investitionen und Programme am Leitbild der Nachhaltigkeit auszurichten.“ (https://www.nachhaltigkeitsrat.de/aktuelles/krise-als-chance-nachhaltigkeitsrat-unterstuetzt-leopoldina-wege-aus-der-krise-am-leitbild-der-nachhaltigkeit-zu-orientieren/)

Die Geschäftsführerin des Bundesverbands der grünen Wirtschaft ergänzt: „Natürlich sei zunächst die Absicherung von Risiken in der Wirtschaft das Gebot der Stunde, damit Deutschland keine allzu heftige Pleitewelle sehe. (..) Nur weil manches Unternehmen noch nicht grün genug ist, können wir hier nicht hunderttausende Arbeitsplätze gefährden. (..) Zu einer ganzheitlichen Antwort auf die Corona-Krise gehört aber auch das Weiterdenken der Wirtschaftspolitik – und hier fordern wir ganz klar einen Transformationsfonds, eine Innovations- und Investitions-Initiative für den sozialen und ökologischen Umbau der Wirtschaft.“ (https://www.unternehmensgruen.org/blog/2020/04/01/corona-transformationsfonds-fuer-solidarischen-und-oekologischen-neustart-der-wirtschaft/)

Leider ist aus den bisherigen Beschlüssen kein Hinweis erkennbar, dass die Politik in diesem Punkt der Wissenschaft folgen will. Noch sind wir im Krisenmodus, noch ist Zeit.

Die Interessenverbände melden sich schon lautstark zu Wort und auch die sozialen Probleme werden immer offensichtlicher.
Umso dringlicher, zu klären, ob man das „recovery“ mit der Zukunftsorientierung der Nachhaltigkeit verknüpfen will.



Donnerstag, 16. April 2020
Die Systemrelevanz von Autohäusern

Nun hat die Politik entschieden. Das ist ja auch richtig so und ihre Aufgabe. Der Wissenschaft ist sie gefolgt – naja so ein bisschen.

Die meisten der beschlossenen Massnahmen beziehen sich auf das Management des unmittelbaren Krisengeschehens (also der Phase 1) und folgen auch den Empfehlungen. Verfolgen, unterbrechen der Infektionsketten, um die weitere Ausbreitung zu verlangsamen.
Die Magische Zahl heisst eins. Bei einem Reproduktionswert < 1 ist die Gefahr gebannt, schon bei 1,1 ist die Gefahr des Zusammenbruchs der Gesundheitssystem auch hier real. Zurzeit bewegt sich diese Zahl „um eins“.
Und ganz genau weiss man es nicht, denn die Daten und Informationsbasis ist nach wie vor zu dünn, um das notwendige Wissen zu generieren.

Die vorsichtige Öffnung des Einzelhandels und der Schulen erscheint als sinnvoller Schritt im Sinne der Phase 2 (Recovery) auch wenn die Auswahl etwas beliebig scheint.

Aber wieso gerade die Autohäuser?

Glaubt das Corona-Kabinett tatsächlich, die Menschen haben dringlich darauf gewartet, jetzt endlich das neue Auto zu kaufen? Es scheint doch eher ein Zeichen für die Lobby-Hörigkeit zu sein. Ein Zeichen an die mächtige Autoindustrie. Dann wäre es allerdings ein fatales Zeichen. Nämliche ein Zeichen für ein „weiter so“, und eben nicht ein Zeichen für den Beginn einer Transformation in eine zukunftsfähige, nachhaltige Wirtschaft.
„Die generelle Zunahme der Bevölkerung, Urbanisierung und globale Mobilität, die Vernichtung und Abnahme der Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen durch Landnutzungsänderungen und der Klimawandel tragen wesentlich zum Ausbruch von Epidemien und Pandemien bei.“ schreibt die Leopoldina in ihrer aktuellen Stellungnahme und empfiehlt: „ Konkret wird es zunächst darum gehen, wirtschaftliche Aktivitäten so anzustoßen, dass die in diesem Jahr unvermeidliche Rezession nicht zu stark ausfällt, die Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad zurückkehrt. Dieser sollte allerdings stärker als zuvor von Prinzipien der Nachhaltigkeit bestimmt sein, nicht zuletzt, weil hierin enorme Potentiale für die wirtschaftliche Entwicklung liegen.“
Von diesen Gedanken scheint das Coronakabinett noch nicht infiziert zu sein.

Krisenmanagement gut, Zukunftsorientierung bislang nicht erkennbar. Eine Hochrisiko-Situation!


Dienstag, 14. April 2020
Relief – Recover - TRANSFORM

Patrick Graichen von der Denkfabrik Agora Energiewende hat in einem Beitrag in der ZEIT einen interessanten Hinweis gegeben. Er verweist auf F.Roosevelt und sein Konzept zur Überwindung der großen Depression. „Roosevelts Politik hatte drei Phasen: relief – Maßnahmen zur Nothilfe –, recovery – Programme zur Belebung der Wirtschaft – und reform – tiefgreifende Strukturreformen“.

Diese drei Phasen können auch jetzt helfen. Im Moment sind wir noch in Phase 1 (retten was zu retten ist) und nach übereinstimmender Meinung macht die deutsche Regierung ihren Job recht ordentlich. Der Verlauf der Pandemie gibt ihr zumindest recht.

Wir steuern jetzt auf Phase 2 zu: der Exit, wann und wie soll er beginnen und wie kann er mit einem recovery verbunden werden. Hier ist im Wesentlichen bekannt, dass hierfür viel Geld in die Hand genommen werden muss und soll. Hierüber und auch schon über die Phase drei ist die Diskussion voll entbrannt.
„Unternehmen müssen sich aber schon heute Gedanken machen, ob ihr Geschäftsmodell nach Corona noch zukunftsfähig ist und wie es nach der Krise aussehen kann“ sagt der Insolvenzberater J.Schmitt im Spiegel. Leitfäden und Richtschnüre gibt es genügend, darauf hat f.Lietsch in seinem Beitrag in forum-csr.net hingewiesen.
Schon in der Phase zwei werden die Weichen gestellt, ob diese Krise der Startpunkt für eine Transformation in eine nachhaltige Welt sein wird, ob die „notwendige Revolution“ P.Senge beginnt oder ob der Kapitalismus wieder“ entfesselt“ und „von der Kette gelassen wird“ (M.Sauga) .

Auch in den aktuellen Empfehlungen der Leopoldina finden sich diese drei Phasen. „Weichen stellen für Nachhaltigkeit“ im Rahmen einer „marktwirtschaftlichen Ordnung“ schlagen sie nach der schrittweisen Normalisierung und Stabilisierung vor. „Wirtschaftliche Konjunkturprogramme sollten grundsätzlich mit den Zielen des europäischen „Green Deals“ vereinbar sein.“ Und „Politische Maßnahmen sollten sich auf nationaler wie internationaler Ebene an den Prinzipen von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, Zukunftsverträglichkeit und Resilienzgewinnung orientieren.“

Hoffen wir, dass die Politik die fachübergreifenden Erkenntnissen und Empfehlungen der Wissenschaft als wesentliche Entscheidungsprämissen akzeptiert.

Das Motto der Phase drei könnte lauten “Transforming our world“


Samstag, 11. April 2020
Der Sinn des Nutzens und der Ruhe

Bei Stöbern im Zettelkasten bin ich auf einen schönen Satz von Thomas Sedlacek (Die Ökonomie von Gut und Böse) gestoßen:

"Der Sinn des Nutzens ist nicht, ihn ständig zu vergrößern, sondern sich zwischen den vorhandenen Gewinnen auszuruhen. Weshalb lernen wir, die Erträge ständig zu steigern, aber nicht sie zu erkennen, uns ihrer bewußt zu werden und sie zu geniessen? (...)
Als ich kürzlich einen meiner derzeitigen Freunde traf, fragte ich ihn was er mache, wie man das eben im Gespräch so tut. Er antwortet mit einem Lächeln: "Nichts! Ich bin mit allem fertig"
Dabei ist er kein Millionär, er besitzt keine Reichtümer. Das ist mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Unsere gesamte Geschäftigkeit und Hetze, die Wirtschaft unserer Zivilisation, hat kein Ziel, an dem wir ruhen können.
Wann sagen wir: "Ich bin mit allem fertig?"

Frohe Ostern!


Samstag, 11. April 2020
Die Entfesselung des Kapitalismus

M.Sauga hat im Spiegel einen radikalen Kommentar geschrieben. Nach der Krise müsse der Staat sich schnell wieder zurückziehen, die Wirtschaft entfesseln und wieder von der Kette lösen, an die er sie wegen dem Virus gefesselt hat. Denn: „Kurz, nach der Pandemie benötigt die Republik nicht weniger, sondern mehr Kapitalismus“.
Man reibt sich die Augen. Glaubt der Mann immer noch an den Mythos des homo oekonomicus? Verschließt er bewusst die Augen vor den Wirklichkeiten, die gerade so offenkundig werden?
Er will offenbar nicht akzeptieren, dass der entfesselte Kapitalismus mit all seinem Wachstum und Fortschritt, trotz der unbestreitbaren Errungenschaften, die erreicht wurden, dabei ist, seine eigenen Grundlagen zu untergraben. Will die Menschheit die Katastrophe der Erdüberlastung und des Klimawandels verhindern, muss sie in den nächsten 10 bis 20 Jahren vieles anders machen als bisher. Ob der Kapitalismus die richtige Wirtschaftsform ist, wird sich zeigen. Er wird sich radikal ändern müssen, von einer rein finanziellen Logik zu einer institutionellen Logik (die amerikanische Professorin der Havard Business School R.Moss-Kanter), die den Zielen der Nachhaltigkeit verpflichtet ist.
In diesem Sinne könnte „Der westliche Kapitalismus sich mit einer intelligenten Strategie hervortun: er könnte die globale Kritik an quantitativem Wachstum, Verschwendung, Raubbau, Umweltzerstörung und ungerechten "Terms of trade" ernst nehmen und die Energien der jüngeren Generationen nutzen, um sich zu einem coolen Kapitalismus zu entwickeln.“ (Helmut Willke)

Samstag, 11. April 2020
Der sekundäre Gewinn

Was ist eigentlich mit den vielen Haushaltshilfen, Putzhilfen, privaten Pflegehilfen, meist aus Polen, Rumänien, der Ukraine, die - ob nun steuerlich korrekt oder nicht - plötzlich kein Einkommen mehr haben, nicht mehr ins Land dürfen? Was machen wir mit dem eingesparten Geld? Wieviel Geld geben wir eigentlich jeden Monat aus für Freizeit und Sport und Kultur, das wir jetzt nicht mehr ausgeben können?

Während die einen plötzlich kein Geld mehr auf dem Konto haben (Selbstständige, KurzarbeiterInnen, Kuturschaffende und eben auch die oben Genannten) füllt sich bei den anderen das besagte Konto.
Es wäre also einfach und würde keine finanziellen Schmerzen verursachen, wenn wir, die wir durch die Krise einen sekundären Gewinn einfahren, diesen verteilen würden an diejenigen, die das Geld ohne Corona sowieso erhalten hätten. Möglichkeiten hierzu gibt es genug.

Und vielleicht ist es entscheidend für das materielle Überleben Vieler.


Freitag, 10. April 2020
Risikoanalyse Modi-SARS 2012: Bedingt wahrscheinlich

Schon im Jahr 2012 hat das RKI eine umfassende Risikoanlyse für den Fall einer Pandemie beruhend auf einem neuen SARS-Corona-Virus für den Bundestag erstellt.

Es ist schon irre, das vor 8 Jahre ziemlich exakt das vorausgesagt wurde, was jetzt passiert. Mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit „C – Bedingt wahrscheinlich“. Die Annahme: „ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt“. Die Abbildung zeigt, mit welchen Schadensverläufen damals gerechnet wurde.

Der Vergleich mit den Risiken der Kernenergie drängt sich auf. „Katastrophale nukleare Unfälle wie die Kernschmelzen in Tschernobyl und Fukushima sind häufiger zu erwarten als bislang angenommen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben anhand der bisherigen Laufzeiten aller zivilen Kernreaktoren weltweit und der aufgetretenen Kernschmelzen errechnet, dass solche Ereignisse im momentanen Kraftwerksbestand etwa einmal in 10 bis 20 Jahren auftreten können und damit 200 mal häufiger sind als in der Vergangenheit geschätzt.“

Die katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels und der Erdüberlastung sind bekannt und wissenschaftlich belegt. Doch auch hier kommt das konkrete Handeln den Herausforderung nicht nach. Die Katastrophe ist noch zu weit weg, auch wenn das Risiko vielleicht höher ist als das der Pandemie vor 8 Jahren.

Der leichtfertige Umgang mit dem „Restrisiko“ ist die Parallele – und die Priorisierung der Forderungen der Wirtschaft, das Primat der Ökonomie.
Erst beim Eintritt des Risikos hat man sich offenbar an die Studie erinnert und ist dann entsprechend verfahren. Die Vorsorge blieb aber auf der Strecke.

Good Governance sieht anders aus!

(Drucksache Drucksache 17/12051 - http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf)


Donnerstag, 9. April 2020
Die Zeit „danach“

Denken wir über die Zeit nach Corona nach, sollten wir uns die fünf Kernbotschaften der Agenda 2030 (5 P’s) in Erinnerung rufen. Sie können und sollten die Leitsätze sein, um die Lehren und Erfahrungen aus der Krise mit der Menschheitsaufgabe, die noch vor uns steht zu verbinden:

Menschen (People) – Wir sind entschlossen, Armut und Hunger in allen ihren Formen und Dimensionen ein Ende zu setzen und sicherzustellen, dass alle Menschen ihr Potential in Würde und Gleichheit und in einer gesunden Umwelt voll entfalten können.

Planet – Wir sind entschlossen, den Planeten vor Schädigung zu schützen, unter anderem durch nachhaltigen Konsum und nachhaltige Produktion, die nachhaltige Bewirtschaftung seiner natürlichen Ressourcen und umgehende Maßnahmen gegen den Klimawandel, damit die Erde die Bedürfnisse der heutigen und der kommenden Generationen decken kann.

Wohlstand (Prosperity) – Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass alle Menschen ein von Wohlstand geprägtes und erfülltes Leben genießen können und dass sich der wirtschaftliche, soziale und technische Fortschritt in Harmonie mit der Natur vollzieht.

Frieden (Peace) – Wir sind entschlossen, friedliche, gerechte und inklusive Gesellschaften zu fördern, die frei von Furcht und Gewalt sind. Ohne Frieden kann es keine nachhaltige Entwicklung geben und ohne nachhaltige Entwicklung keinen Frieden.

Partnerschaft (Partnership) – Wir sind entschlossen, die für die Umsetzung dieser Agenda benötigten Mittel durch eine mit neuem Leben erfüllte Globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung zu mobilisieren, die auf einem Geist verstärkter globaler Solidarität gründet, insbesondere auf die Bedürfnisse der Ärmsten und Schwächsten ausgerichtet ist und an der sich alle Länder, alle Interessenträger und alle Menschen beteiligen.


Donnerstag, 9. April 2020
Die Menschheitsaufgabe

So titelt die Zeit (13/2020), um die Corona-Krise zu charakterisieren. Ist das wirklich so? Ohne Zweifel stecken wir in einer der größten Krisen seit den großen Kriegen, eine Krise, in der die alten Handlungsmuster nicht ausreichen, in der wir alle „auf Sicht fahren“, weil wir nach wie vor nicht genug wissen und es sich zeigt, dass wir uns in einer trügerischen, etwas hochmütigen Sicherheit gewiegt haben, die nun zusammengebrochen ist.
Die Szenarien für die kommenden 2 Jahre seien „unvorstellbar“, schätzt A.Steiner von der UNHP im Spiegel-Interview die Situation ein. „Wahrscheinlich werden wir vielerorts ein Jahrzehnt Entwicklungsfortschritt verlieren – wenn nicht mehr“.
Und dies in einem Jahrzehnt, das entscheidend ist für – ja für die wirkliche Menschheitsaufgabe: Die Bewältigung der menschengemachten Klimakrise und der Folgen der Erdüberlastung. Dies wird nur durch "Transformationen von gigantischem, historischem Ausmaß" (A.Merkel) gelingen. Da muss ich ihr zustimmen. Und diese Transformation wird nur in globaler Partnerschaft gelingen und nur wenn Wirtschafts- und Lebensweise auch bei uns radikal neu gedacht werden.
Die Coronakrise wird sich als Zuckerschlecken herausstellen, wenn wir diese Transformation nicht stemmen. Aber die Folgen der Klimakrise sind für uns im Gegensatz zur Klimakrise gefühlt immer noch recht weit weg und die Veränderung liebgewonnener Lebensgewohnheiten erscheinen immer noch als inakzeptabler Verzicht.
Jetzt ist Krisenmanagement angesagt, dann der sorgsame „Ausstieg“ und „Wiederaufbau“.
Dabei stellt sich aber konkret die Frage: Wollen wir dann wieder zurück zu den guten Zeiten vor der Krise? Geht das überhaupt? Oder können wir diese Vollbremsung von Gesellschaft und Wirtschaft nutzen, um der wirklichen Menschheitsaufgabe unsere Aufmerksamkeit und Energie zu widmen?
„Kommen wir in guter, solidarischer Weise durch diese Krise und durch jene zukünftigen Krisen, die unser Vorstellungsvermögen so radikal überschreiten? Und wie wollen wir künftig leben? Darüber müssen wir jetzt reden und streiten, denn die Antworten sind in keinem Regelbuch fixiert.“ (B.Pörksen im SPIEGEL).


Donnerstag, 9. April 2020
Globalisierung


Viel wird über die Globalisierung gesprochen in diesen Zeiten, in denen sich deren dunkle Seiten plötzlich auch direkt bei uns zeigen, die wir doch eigentlich die Gewinner der Globalisierung sind. Auch wenn uns das bis jetzt vielleicht nicht so bewusst war.
Nun also die Schattenseiten: Abhängigkeit von Anderen bei (plötzlich?) systemrelevanten Produkten wie Atemschutzmasken, aber auch Medikamenten. Auch in der BRD zeigten sich in den letzten Monaten schon vor Corona plötzlich Lieferengpässe bei Medikamenten, weil diese nach globalen Gewinnaussichten produziert und geliefert werden. Lieferketten, Just-in-time, On-Demand, Kostenoptimierung, Outsourcing, Externalisierung von Kosten, einseitige Handelsverträge und viele weitere Aspekte der global organisierten Wirtschaft werden heute nicht nur von den „üblichen Verdächtigen“ kritisiert und hinterfragt.
„Die Weltwirtschaft ist ein Zug, den wir in Gang gesetzt und dann vergessen haben, wie man ihn abbremst. Als Folge wurde er immer schneller. Irgendwann haben wir uns darauf geeinigt, dass aus einem rasenden Zug keiner aussteigen kann. So kommen die faulen Klimavereinbarungen zustande: Wir sehen die Wand und fahren dagegen, weil nicht die Wand, sondern der Kompromiss unser Handeln diktiert.“ So beschreibt F.Schätzing die Lage im Spiegel (SPON 3.4.)
Doch Globalisierung kann man auch anders denken:
„Die Diskussion über Ziele der Weltgemeinschaft für Nachhaltige Entwicklung könnte eine Zeitenwende im globalen politischen Diskurs begründen. Sie kann eine Chance sein, dem Narrativ der Krisen und der Konfrontation eine neue Erzählung der Kooperation, der Solidarität und der gegenseitigen Rechenschaftspflicht zum gemeinsamen Nutzen entgegenzustellen, ein neues Paradigma der globalen Partnerschaft. Sie kann damit Orientierung geben in dieser von Angst vor dem Zerfall geprägten Zeit.“ So H.Köhler in einer Rede bei ECONSENSE im Mai 2015!
Die Agenda 2030
„Kein Staat kann die globalen Probleme der Gegenwart allein bewältigen. Darum wollen wir eine globale Partnerschaft aufbauen, in der wir gemeinsam die EINEWELT gestalten. Nur mit einer solchen globalen Partnerschaft – in gegenseitigem Respekt, mit gemeinsam getragenen Werten und der gebündelten Kraftanstrengung aller Beteiligten – können die Ziele der Agenda 2030 erreicht werden.“ Ziel 17 der Agenda 2030
Wenn wir Globalisierung als globale Partnerschaft denken und unser gesellschaftliches wie auch wirtschaftliches Handeln daran ausrichten, können wir auch weiterhin profitieren – ohne dass dies auf Kosten anderer Länder erfolgt und ohne dass wir wieder bemerken, dass es auch auf unsere Kosten gehen kann und wir dies nicht durch Schließung der Grenzen verhindern können.
„Wir können die erste Generation sein, der es gelingt, die Armut zu beseitigen, ebenso wie wir die letzte sein könnten, die die Chance hat, unseren Planeten zu retten.“ (Ban-Ki Moon, UN-Generalsekretär von 2007 bis 2016)
Man möchte ergänzen: Die Menschheit zu retten, der Planet wird überleben!
Wenn dies zur Entscheidungsprämisse der Zeit nach Corona wird, hat die Krise einen Sinn gehabt. Wir haben noch 10 Jahre Zeit.

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